PLEITE

CO2-Kosten: Pappenfabrik Tullau macht nach fast 150 Jahren dicht

Rund 100 Jobs weg: Der Insolvenzverwalter legt die Traditionsfirma still, offene CO2-Zertifikate schrecken Investoren ab.

Dirk Muchow·
Fabrikgebäude einer traditionsreichen Pappenfabrik am Kocher bei Tullau in Baden-Württemberg
Schloss Tullau Kapelle · Lizenz: CC BY-SA 4.0 · Bild: Moleskine / Wikimedia Commons, Schloss Tullau Kapelle.jpg

Aus und vorbei: Die Pappenfabrik Tullau stellt die Produktion ein. Seit 1878 war sie in Familienhand und hat zwei Weltkriege überstanden. Jetzt ist Schluss. Betroffen sind die Werke in Rosengarten-Tullau im Kreis Schwäbisch Hall und in Trauchgau bei Halblech im Ostallgäu. Rund 100 Mitarbeiter verlieren ihren Job.

CO2-Schulden schrecken Käufer ab

Der vorläufige Insolvenzverwalter hat die Betriebe stillgelegt, bevor das Insolvenzverfahren überhaupt eröffnet war. Der Knackpunkt sind offene Pflichten zur Abgabe von CO2-Zertifikaten für 2025 und 2026, es geht um fast siebenstellige Summen. Als bevorrechtigte Masseverbindlichkeiten machen sie einen Einstieg für Investoren unattraktiv. Eine Chance zum Weitermachen sah der Verwalter nicht.

Der Verwalter spricht von einem „sanierungsfeindlichen Gesetz“ und meint das Treibhausgas-Emissionshandelsgesetz. Es nehme der Firma jede Möglichkeit zur Rettung, und so würden Arbeitsplätze ganz bewusst geopfert. Auch der Geschäftsführer klagt, Umweltziele seien hier wichtiger genommen worden als Jobs. Die Belegschaft habe monatelang alles gegeben, um die Werke zu retten.

Die Rechnung

Für Vollpappe und Graupappe braucht man viel Energie. Eine Tonne kostet in der Herstellung rund 600 Euro, etwa ein Zehntel davon fällt für CO2-Zertifikate an. Bei 40.000 Tonnen im Jahr und 27.200 Tonnen CO2-Ausstoß wären das rund 1,6 Millionen Euro. Dazu kommen kräftig gestiegene Preise für Strom und Gas.

Immerhin: Ihr Oktober-Gehalt bekommen die Beschäftigten noch, und zwar aus dem Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit.

Sie wollen wissen, was die Klimapolitik den Mittelstand kostet? Abonnieren Sie den KLARTEXT-Newsletter: unabhängig, ohne Rundfunkbeitrag, von Lesern bezahlt.

Dirk Muchow · Herausgeber

Dirk Muchow ist Herausgeber von KLARTEXT. Er schreibt über Bundespolitik, Wirtschaft und Medien – täglich, unabhängig und ohne Rundfunkbeitrag. KLARTEXT wird ausschließlich von seinen Lesern bezahlt.

Alle Beiträge · RSS

Mehr zum Thema

Aus dem Ressort Wirtschaft

Alle ansehen →

Airbus hält GCAP-Einstieg für möglich

Fr
Airbus-Chef Guillaume Faury bei einem öffentlichen Auftritt vor einem Airbus-Logo

EU-Entwurf: Aufträge nur für EU-Firmen

Fr
Das Berlaymont-Gebäude in Brüssel, Sitz der EU-Kommission, mit Europaflaggen davor

KI-Milliarden: Alphabet im Minus, Microsoft top

Fr
Firmengelände von Microsoft in Redmond mit dem Konzernlogo an einem Gebäude

Autoreparatur kostet im Schnitt 4.600 Euro

Fr
Mechaniker repariert ein Auto auf der Hebebühne einer Kfz-Werkstatt

Kommunen: fast 380 Milliarden Schulden

Fr
Das Rote Rathaus in Berlin, Sitz des Senats, von außen bei Tageslicht

Lagarde geht, der EZB-Poker beginnt

Fr
Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, bei einer Pressekonferenz