SPIEGEL
Was die AfD an Gratis-Werbung bekommt, geht in die Hunderte Millionen
Ulrich Siegmund ist binnen eines Monats zum zweiten Mal auf dem Spiegel-Titel, und die AfD muss dafür nicht einen Cent zahlen.

Seit gestern liegt der neue Spiegel aus. Ulrich Siegmund ist damit innerhalb eines Monats zum zweiten Mal auf dem Titel. Neben ihm Tino Chrupalla und Alice Weidel, darüber die Zeile über die Verfassungsfeinde und den Plan, Sachsen-Anhalt umzubauen und die Macht in ganz Deutschland zu erobern.
Zweimal in vier Wochen auf dem Titelbild eines Nachrichtenmagazins. Das muss man sich vor Augen halten. Erst wird der Spiegel dafür kritisiert, Siegmund mit dem Glockenläuten zum Wahlgang die Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Dann legt die Redaktion genau so nach.
Nebenbei bemerkt: Dieses Heft kostet inzwischen 7,10 Euro. Ich habe es abonniert und bin trotzdem jedes Mal fassungslos. Der Stern liegt bei 6,90 Euro, ist dünner geworden und wird auf billigerem Papier gedruckt. Weniger Inhalt, mehr Preis.
Der Meinungskorridor bricht weg
Warum passiert das? Weil den Linken die Meinungshoheit abhanden kommt. Der Meinungskorridor, den sie jahrelang bewacht haben, bricht weg. Deshalb reagieren sie so. Deshalb drehen sie durch.
Die AfD muss dafür überhaupt nichts tun. Der Kanzler redet in der Generaldebatte zum Kanzlerhaushalt über nichts anderes als die AfD. Alle Medien reden über die AfD. Egal wohin man schaut: AfD, AfD, AfD. Anders formuliert: Die Gegner liefern die Bühne, den Scheinwerfer und das Publikum gleich mit.
Was ich früher über Reichweite gelernt habe
Rechnen wir das einmal kaufmännisch durch. Ich habe früher Veranstaltungen gemacht, Konzeptionen gebaut, Werbepakete geschnürt. Das Internet gab es damals noch gar nicht.
Vor 20, 25 Jahren habe ich Fernsehwerbung bei NTV eingekauft. Da konnte man Pakete kaufen, 1500 Einblendungen beim Wetterbericht, für einen Betrag im Bereich von 30.000 bis 40.000 D-Mark. Für die Menge an Kontakten war das fast geschenkt. Dazu habe ich riesige Messeflächen verkauft und Veranstaltungen mit einem Minister nach dem anderen gemacht.
Mein Lieblingswort war immer Anzeigenäquivalent. Dazu gab es Umrechnungstabellen. Die IHK-Zeitschriften hatten damals einen Faktor von fünf bis acht. Jedes gedruckte Heft wurde also von fünf bis acht Leuten gelesen, bevor es im Mülleimer landete.
Redaktion schlägt Anzeige
Anzeigenäquivalent bedeutet: Wie viele Anzeigen müsste ich schalten, um dieselbe Reichweite zu erzielen? Das lässt sich in Summen umrechnen. Und dann kommt der entscheidende Punkt dazu:
Wenn man zum Beispiel im redaktionellen Teil steht, das ist natürlich viel mehr wert als eine Anzeige.
So habe ich damals gearbeitet. Ich habe die ersten Gründerwettbewerbe in Ostdeutschland erfunden, unter anderem mit der Superillu. Der große Wettbewerb, der seit 20 Jahren läuft, ging aus meiner Feder hervor.
Das Prinzip war simpel. Ich habe Preisgelder gestiftet, 30.000 oder 50.000 D-Mark, und gesagt: Das Geld nehmen wir und verleihen es bei mir auf der Messe. Dazu habe ich eine Bank geholt, die KfW oder die Deutsche Ausgleichsbank. Damit bekam das ganze Paket einen seriösen Anschein.
Die Politiker kamen gerne. Wir haben Schecks auf einen Quadratmeter vergrößert, darauf stand dann 10.000 D-Mark für Frau Sowieso, Gründerpreis. So erzeugt man Reichweite. Und wenn man die Reichweite hat und das Anzeigenäquivalent kennt, dann kommen die Leute von selbst. Beim Treffen am Tegernsee lief im Kern genau dasselbe Spiel. Deshalb musste ich darüber so lachen.
Dreistellige Millionensummen
Jetzt rechnen Sie das für die AfD hoch. Spiegel-Titel, die gesamte Berichterstattung, die Reden im Bundestag, jede Talkshow. Das sind Wahnsinnssummen. Das lässt sich kaum noch seriös berechnen, aber es geht mit Sicherheit in die dreistelligen Millionen. Hunderte Millionen an kostenloser Werbung, ohne einen Cent Eigenleistung.
Und wo bleibt die Frage nach der Parteienfinanzierung?
Eines muss man dabei fragen. Die AfD hatte vor ein, zwei Jahren ein Verfahren wegen verdeckter Parteienfinanzierung am Hals. Es ging um Spenden oder Anzeigen. Am Ende wurde daraus eine Strafe, verhängt aus dem Bundestagspräsidium unter Bärbel Bas.
Und nun kommen die Leute rund um die Potsdamer Konferenz mit ihrer Kampagne zum taktischen Wählen. Sie haben selbst gesagt, dass sie drei oder vier Millionen Euro einsetzen. Das Geld fließt indirekt an Grüne, SPD und Linke.
Warum ist das dann keine Parteienfinanzierung? Bei der AfD ging es um deutlich kleinere Beträge, und daraus wurde verdeckte Parteienfinanzierung gemacht. Ich hätte diese Frage gerne beantwortet.
Und so drehen die Linken jetzt ab. Weil die Meinungshoheit kippt und sie die Führungsrolle verlieren, die sie über ihren medialen Apparat jahrzehntelang hatten.

Dirk Muchow ist Herausgeber von KLARTEXT. Er schreibt über Bundespolitik, Wirtschaft und Medien – täglich, unabhängig und ohne Rundfunkbeitrag. KLARTEXT wird ausschließlich von seinen Lesern bezahlt.





