MERZ

Was CDU-Ministerpräsidenten über ihren Kanzler sagen — und was sie unterschreiben

Ein bestinformierter Berliner Journalist hat mir gezeigt, wie die CDU-Ministerpräsidenten intern über Friedrich Merz reden.

Dirk Muchow··4 Min. Lesezeit
Friedrich Merz, Julia Klöckner; CDU ZUKUNFTSKONGRESS am 27.04.2023 in Berlin (Tempodrom), Deutschland
Friedrich Merz, Julia Klöckner; CDU ZUKUNFTSKONGRESS am 27.04.2023 in Berlin (Tempodrom), Deutschland · Lizenz: CC BY-SA 4.0 · Bild: Dr. Frank Gaeth / Wikimedia Commons, Friedrich Merz und Julia Klöckner 2023.jpg

Die CDU-Ministerpräsidenten haben einen Unterstützerbrief für Friedrich Merz unterschrieben. Die Idee dazu kam aus dem Kanzleramt. Und genau dieselben Leute lästern intern über ihren eigenen Kanzler in einer Art und Weise, die mit dem Inhalt dieses Briefes nichts mehr zu tun hat.

Ich habe einen sehr guten Draht zu einem der bestinformierten Journalisten in Berlin. Einer aus den oberen drei, vier, fünf, die alle auf einem Level sind. Die sind seit Jahrzehnten dort, die haben Zugang, den sonst kaum jemand bekommt. Er hat mir heute Bildschirmfotos aus der Gruppe der Ministerpräsidenten gezeigt.

Screenshots habe ich davon nicht. Aber ich sage Ihnen: Dort wird über Merz genau so geredet wie hier bei uns. Wenig schmeichelhaft. Ich habe mich gut zwanzig, fünfundzwanzig Minuten mit ihm unterhalten.

Dirk, es ist irre, was die derzeit amtierenden CDU-Ministerpräsidenten über ihren Kanzler sagen.

Ein Brief ohne Briefkopf

Und dann schreiben genau diese Leute einen Brief zur Unterstützung von Friedrich Merz. Auf Anforderung aus dem Kanzleramt. Sehen Sie sich das Schreiben einmal an. Ich habe es als PDF gelesen: kein Briefkopf, fehlende Bezeichnungen, nichts.

So etwas hat man in den Neunzigern schnell getippt, ausgedruckt und unterschreiben lassen. Das hat kein Standing. Inhaltlich steht darin, es dürfe keine Personaldiskussion geben. Damit haben sie praktisch alle die Unwahrheit gesagt.

Unterschrieben haben Wüst, Günther, Rhein, Kretschmer, Voigt, Wegner, Schnieder und Schulze. Vorher hat sich jeder Einzelne von ihnen über Merz ausgelassen. Da war keiner dabei, der geschwiegen hätte.

Wüst hat gekniffen

Dabei wäre es längst anders gelaufen. Hätte Hendrik Wüst vor zwei, drei Wochen gesagt, er macht es und er wird Kanzler, dann wäre er heute Kanzler. Merz wäre weg. Nur: Wüst hat gekniffen.

Wahrscheinlich wegen der Wahl. Und weil er sich seiner Mehrheit im Bundestag nicht sicher war. Stattdessen unterschreibt er so einen Brief. Diese doppelzüngigen Typen regieren Deutschland, fordern von uns Treue und Vertrauen und sind selbst die Unaufrichtigsten, die es gibt.

Wüst wird parteiintern seit Monaten als wahrscheinlichster Nachfolger gehandelt. In einer Umfrage im August kam er auf rund 24 bis 25 Prozent. Nur neun Prozent hielten in derselben Umfrage Merz für als Kanzler geeignet.

Schnieder, Kretschmer, Günther

Gordon Schnieder hat Merz eine schlecht gemachte Kabinettsumbildung vorgeworfen. Dabei ging auch sein Bruder als Verkehrsminister. Schnieder sagte, die Erfolge seien kaputtgemacht worden.

Die CDU-Landtagsfraktion in Rheinland-Pfalz hat Merz sogar ein Treffen verweigert. Ein persönlicher Austausch setze ein Mindestmaß an Vertrauen und Wertschätzung voraus, hieß es, und das sei nicht gegeben. Schnieder sagte dazu, man werde sich beim ersten Treffen sicher nicht in die Arme fallen. Das ist eine offene Vertrauenskrise.

Und nun heißt es aus dem Kanzleramt indirekt, ausgerechnet Schnieder habe die Initiative für den Unterstützerbrief gestartet. Vollkommener Blödsinn.

Michael Kretschmer hat die Reformpolitik von Merz als unzureichend bezeichnet. Man könne nicht länger abwarten. Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt verlangte er ein umfassendes Reformpaket statt einzelner Maßnahmen und warnte vor der AfD.

Bei der Rente mit 63 ist er Merz in den Rücken gefallen, die müsse bleiben. Und bei der Brandmauer ebenfalls: Demokratisch gewählte Abgeordnete müssten miteinander reden, hat er mehrfach gesagt. Auch das steht gegen den Kurs des Kanzlers.

Demonstrative Harmonie

Daniel Günther ist seit Jahren der schärfste Gegenspieler von Merz. Das sehen Sie rückblickend an allem: am Verhältnis zu den Grünen, zur AfD, zur Migration, zum gesamten politischen Kurs der CDU.

Er regiert in Schleswig-Holstein mit den Grünen. Er ist frontal gegen die AfD. Er ist für Migration. Weiter links geht es in dieser Partei nicht. Als Merz die Grünen zum Hauptgegner erklärte, hat Günther dieser strategischen Ausrichtung öffentlich widersprochen. Kein Wunder, er regiert ja mit ihnen.

Und dann inszenieren sie demonstrative Harmonie. Ausgerechnet Günther fährt am Tag der Wahl in Sachsen-Anhalt ins Kanzleramt und ist der einzige Ministerpräsident, der dort auftaucht.

Mein Fazit

Sie wollen uns alle für dumm verkaufen. Intern zerlegen sie ihren Kanzler, öffentlich unterschreiben sie ein Papier ohne Briefkopf, in dem steht, es gebe keine Personaldiskussion.

Das ist die Verlogenheit, um die es hier geht. Nicht Merz allein ist das Problem. Das Problem ist eine Führungsriege, die sagt, was sie nicht meint, und meint, was sie nicht sagt. Und die uns dabei Treue und Vertrauen abverlangt.

Standbild aus dem Video: Was CDU-Ministerpräsidenten über ihren Kanzler sagen — und was sie unterschreiben
Das Video zum Beitrag auf KLARTEXT TV · 7:59 Min.
Dirk Muchow · Herausgeber

Dirk Muchow ist Herausgeber von KLARTEXT. Er schreibt über Bundespolitik, Wirtschaft und Medien – täglich, unabhängig und ohne Rundfunkbeitrag. KLARTEXT wird ausschließlich von seinen Lesern bezahlt.

Alle Beiträge · RSS

Mehr zum Thema

Aus dem Ressort Politik

Alle ansehen →

Merz' Grönland-Bilanz: nichts übrig

Mo
Friedrich Merz, Julia Klöckner; CDU ZUKUNFTSKONGRESS am 27.04.2023 in Berlin (Tempodrom), Deutschland

20 Milliarden statt 500 ins Blaue

Mo
Friedrich Merz, Julia Klöckner; CDU ZUKUNFTSKONGRESS am 27.04.2023 in Berlin (Tempodrom), Deutschland

Merz verschweigt die Täter

Mo
Friedrich Merz, Julia Klöckner; CDU ZUKUNFTSKONGRESS am 27.04.2023 in Berlin (Tempodrom), Deutschland

Sieben Länderchefs blieben weg

Mo
Friedrich Merz, Julia Klöckner; CDU ZUKUNFTSKONGRESS am 27.04.2023 in Berlin (Tempodrom), Deutschland

Ein Brief, der nichts beantwortet

Mo
Friedrich Merz, Julia Klöckner; CDU ZUKUNFTSKONGRESS am 27.04.2023 in Berlin (Tempodrom), Deutschland

Der Brief beweist die Führungskrise

Mo
Friedrich Merz, Julia Klöckner; CDU ZUKUNFTSKONGRESS am 27.04.2023 in Berlin (Tempodrom), Deutschland