MONROE-DOKTRIN

Trump vermisst den Hinterhof neu – und Europa redet über Tonfall

Trump setzt die Monroe-Doktrin in erweiterter Form durch, während Europa über Höflichkeit debattiert statt über Sicherheitsinteressen.

Dirk Muchow··4 Min. Lesezeit
Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt vor Anhängern
Trump promised to bring sweeping political change, to create wealth, and to make America safe again in a speech that excited delegates on th · Lizenz: Public domain · Bild: Ali Shaker/VOA / Wikimedia Commons, Donald Trump RNC July 2016.jpg

Was gerade rund um Grönland passiert, ist im Kern Abschreckung. Der Gegner soll es gar nicht erst versuchen, militärisch oder wirtschaftlich Fuß zu fassen. Und es ist nichts Neues, es ist die Fortsetzung einer alten amerikanischen Linie: der Monroe-Doktrin, in erweiterter Form.

James Monroe hat 1823 erklärt, dass außer den USA keine Macht in Nord-, Mittel- und Südamerika Einfluss ausüben darf. Damals war die Sorge die europäische Kolonialisierung. Damit war der gesamte Kontinent zur amerikanischen Sphäre erklärt, zum Hinterhof. Und dazu gehört selbstverständlich auch Kanada.

Von der Leyen und das Timing

Und was passiert zwei Tage vor der Grönland-Ankündigung? Ursula von der Leyen stellt sich in Straßburg hin und will Kanada als assoziiertes Mitglied in die EU aufnehmen. Man kann es sich nicht ausdenken. Zwei Tage vorher.

Trump dürfte sich in seinem Winterquartier kaputtgelacht haben. Kanada kann das gern versuchen. Dann schließt Trump die Grenzen und erhöht die Zölle, und die Sache hat sich erledigt. Das ist keine Strategie, das ist politisches Schlafwandeln.

Genau damit kommt auch Friedrich Merz nicht zurecht. Im Adenauer-Haus erklärt er, mit Amerika sei es vorbei. Einen Tag davor sagt er, man solle ihm nicht mit Free Speech kommen. Er kommt schlicht mit der Verhandlungsmethode von Trump nicht klar.

Die Methode: Maximalforderung, dann Preis erhöhen

Trumps Methode ist immer dieselbe. Erst eine Maximalforderung. Damit zwingt er alle Beteiligten, über amerikanische Sicherheitsinteressen zu reden – in Davos, bei der Generalversammlung, überall.

Ohne diesen Druck wäre die Sache den üblichen Weg gegangen: diplomatische Arbeitsgruppen, Papiere, Kommuniqués, jahrelang. Das interessiert ihn nicht. Er hat die Zeit nicht, er ist 79 oder 80. Er wollte es jetzt. Und jetzt heißt bei ihm jetzt.

Dann hat er den politischen Preis des Nichtstuns für Dänemark immer weiter erhöht, bis Dänemark zustimmen musste. Was will Dänemark gegen Amerika ausrichten? Kopenhagen wurde gezwungen zu zeigen, wie es Grönland gegen militärischen und wirtschaftlichen Einfluss fremder Mächte schützen will. Genau das kann Dänemark nicht.

Und weil das offensichtlich ist, wurde eine stärkere amerikanische Rolle nahezu unvermeidlich.

Eine Gesamtstrategie gegen vier Einzelstimmen

Trump verknüpft Militär, Investitionen, Rohstoffe und Außenpolitik zu einer Gesamtstrategie. Bei ihm ist das nicht getrennt. Europa betrachtet all das getrennt – und hat deshalb überhaupt keine Strategie.

Kaja Kallas hier, Johann Wadephul dort, dann Merz, dann von der Leyen. Vier Stimmen, vier Richtungen. Bei Trump gibt einer die Strategie vor, und dann ziehen alle gemeinsam. Das ist der ganze Unterschied.

Er hat hart gedroht. Und diese Drohkulisse hat innerhalb von zwölf Monaten zu einem ausgehandelten Vertrag geführt, nicht zu einem militärischen Konflikt. Das Ergebnis zeigt: Druck und Verhandlung schließen sich nicht aus. Das sind keine Gegensätze.

Dasselbe sieht man in Venezuela. Alle haben sich aufgeregt. Inzwischen hat er über das Öl die westliche Welt neu geordnet. Er baut die ganze westliche Welt um, und die Leute verstehen gar nicht, was da abgeht. Und was China sich in nicht allzu langer Zeit holen wird, wird Trump nicht verteidigen. Bis dahin holen sie die Chipindustrie nach Amerika.

Das eigentliche Versagen liegt in Europa

Jetzt werden manche sagen, sein Maximalziel habe er nicht erreicht. Das war auch nicht nötig. Den entscheidenden sicherheitspolitischen Kern hat er gesichert. Die Maximalforderung war das Werkzeug, nicht das Ziel.

Viel schlimmer ist das europäische Versagen. Die Politiker hier reagierten moralisch empört, statt die tatsächlichen Sicherheitsinteressen zu analysieren. Sie diskutierten über Trumps Tonfall und seine Art, während Washington über Raketenabwehr, Seewege und Großmachtpolitik sprach.

Europa sprach über diplomatische Höflichkeit, strategische Handlungsfähigkeit, Werte und regelbasierte Ordnung. Die EU konnte keine glaubwürdige Alternative zur amerikanischen Sicherung Grönlands anbieten. Die Deutschen haben 15 Soldaten hingeschickt.

Wer amerikanischen Einfluss ablehnt, muss selbst Personal, Infrastruktur, Satelliten, Waffen und Schiffe bereitstellen. Man sieht es in der Ukraine: Seit die Patriot-Raketen nicht mehr geliefert werden, hat Russland die Oberhand, die es ohnehin immer hatte. Plötzlich funktioniert die Abwehr nicht mehr.

Souveränität als Behauptung

Und Boris Pistorius fliegt nach Texas und holt den ersten F-35 ab. Die Amerikaner geben so etwas nicht ohne Hintertüren heraus. Die Amerikaner haben 15.000 Flugzeuge. Ich weiß nicht einmal, wie viele wir haben – und vor allem nicht, wie viele davon überhaupt flugfähig sind. Die 500 Milliarden lösen sich in alle Himmelsrichtungen auf.

Die Europäer hielten sich für schlauer als Trump. Sie wollten ihm Grenzen setzen. Am Ende müssen sie alle seine zentralen Sicherheitsforderungen akzeptieren. Es bleibt nichts übrig.

Die vielbeschworene europäische Souveränität ist eine politische Behauptung. Dahinter steht keine ausreichende militärische Grundlage.

Die Europäer reden über Prinzipien, Merz über gemeinsame Werte. Trump verhandelt über dauerhafte Rechte. Das ist der Unterschied zwischen Reden und Ergebnissen.

Der Ausgang zeigt eines sehr deutlich: Geopolitische Räume werden nicht durch Pressekonferenzen geordnet. Sie werden durch Fähigkeiten, durch Macht und durch Vereinbarungen geordnet.

Standbild aus dem Video: Trump vermisst den Hinterhof neu – und Europa redet über Tonfall
Das Video zum Beitrag auf KLARTEXT TV · 11:02 Min.
Dirk Muchow · Herausgeber

Dirk Muchow ist Herausgeber von KLARTEXT. Er schreibt über Bundespolitik, Wirtschaft und Medien – täglich, unabhängig und ohne Rundfunkbeitrag. KLARTEXT wird ausschließlich von seinen Lesern bezahlt.

Alle Beiträge · RSS

Mehr zum Thema

Aus dem Ressort Ausland

Alle ansehen →

Regeln ohne Macht sind Wünsche

Mo
Sitzungssaal des UN-Sicherheitsrats mit Delegationsplätzen

Trump greift nach Grönland

Mo
Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt vor Anhängern

Trump rammt erst, dann verhandelt er

Mo
Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt vor Anhängern

Trump sichert sich Grönland

Mo
Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt vor Anhängern

Trumps Kandidatur war sein Schutz

Mo
Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt vor Anhängern