PUTIN-DEBATTE

Putin soll Europa angreifen – und keiner fragt, was er hier eigentlich will

Seit Wochen heißt es, Putin greife Europa an – ein vernünftiger Beweis dafür ist bis heute nicht auf dem Tisch.

Dirk Muchow··5 Min. Lesezeit
Wladimir Putin bei einem öffentlichen Auftritt am Rednerpult
Vladimir Putin with his parents (Vladimir Putin (Q19300851) and Maria Putina (Q19300864)) in 1985 before his departure to the GDR · Lizenz: CC BY 4.0 · Bild: Unknown authorUnknown author / Wikimedia Commons, Vladimir Putin with parents in 1985.jpg

Seit Wochen läuft dieselbe Platte: Putin will Europa angreifen, Putin will Deutschland angreifen. Ein vernünftiger Beweis dafür ist bis heute nicht da. Nicht einer. Wer das sagt, wird sofort einsortiert: Verschwörungstheoretiker, Putin-Versteher, einer, der es nicht einsehen will. Ich stelle trotzdem die Frage, die in dieser Debatte nie gestellt wird: Was soll er hier eigentlich?

Der gesunde Menschenverstand ist das eine. Wir wissen alle, dass das Blödsinn ist. Aber schauen wir auf die Größenordnungen, an denen sich dieses Gerede bricht.

1,5 Millionen Soldaten für Polen

Hitler brauchte 1,5 Millionen Soldaten, um Polen zu besetzen. 1,5 Millionen. Und derselbe Russe, der in der Ukraine in einem Stellungskrieg feststeckt, in dem nach Schätzungen ein bis zwei Millionen Menschen ums Leben gekommen sind, junge Leute, in diesem Fleischwolf – dieser Russe soll jetzt bis nach Brandenburg, über Berlin hinweg, bis nach Frankreich und an den Atlantik vorstoßen.

Dazwischen liegt Polen. Dazwischen liegt Tschechien. Ich halte das für kompletten Unsinn. Und ich bin damit nicht allein: Der finnische Ministerpräsident hat gesagt, man habe von den Russen nichts zu befürchten. Finnland, das direkt an Russland grenzt. Und Trump hat noch einmal gesagt, Putin habe mit Europa nichts am Hut.

Der reichste Mann der Welt

Kein Land der Welt hat so viele Rohstoffe wie Russland. Kein Land. Was soll er also hier? Soll er 80 Millionen Menschen durchfüttern? Soll er Deutschland besetzen und Polen gleich mit dazu, wo die Polen wehrhafter sind als wir Deutschen?

Wenn ich Putin wäre, würde ich mein eigenes Ding schaukeln. Ich würde mir die Ukraine heranholen, dort die Rohstoffe ausbeuten, mein Reich in Schuss halten, hier ein bisschen rein und da ein bisschen rein – und ansonsten würde ich sagen: Lassen wir das. Mit Europa hätte ich nichts zu schaffen.

Putin soll der reichste Mann der Welt sein. Reicher als Elon Musk – und Musk sagt das selbst. Er denkt nicht, dass er der reichste Mann der Welt ist, er sagt: Putin ist es. Vor Corona wurde dessen Vermögen auf 300 Milliarden geschätzt. Heute dürfte es nach den Schätzungen über einer Billion liegen.

Und so einer soll ausgerechnet nach Deutschland wollen? In ein Land, in dem die Brücken nicht halten und die Straßen kaputt sind? Was will er bei uns?

Das gallische Dorf Sachsen-Anhalt

Wir brauchen hier keine Angstkampagne, wir brauchen eine Revolution. Es ist der Kampf gut gegen böse. Und genau deshalb hat dieses Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt weltweit Beachtung gefunden. Sogar Trump hat es im Nachhinein kommentiert und gesagt, es sei endlich Zeit, dass die Deutschen aufstehen.

So etwas kann nur ein renitentes gallisches Dorf wie Sachsen-Anhalt. Da brauchst du keine lamentierenden Schleswig-Holsteiner, die sagen, wir seien die fröhlichsten Deutschen. Die hätten das nicht durchgezogen. Ein Niedersachse auch nicht. Ein Hesse schon gar nicht und ein Bayer auch nicht.

Das konnte nur ein ostdeutsches Völkchen. Wer durch eine Diktatur gegangen ist, hat dafür ein feines Näschen. Die erkennen, was da läuft, und lassen sich dann auch begeistern.

Selbst in Mecklenburg ist der Wahlkampf, den Leif-Erik Holm macht, nicht so enthusiastisch wie das, was Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt hingelegt hat. Die Mecklenburger sind halt auch norddeutsch. Wir Norddeutschen sind nun mal alle ein bisschen sachlicher.

Ich spreche akzentfrei Klartext, aber demonstrieren ist nicht meine Sache. Ich bezweifle, dass ich da mitgelaufen wäre. Das liegt in der Natur der Norddeutschen. Die Sachsen-Anhaltiner sind eben ein Stück südlicher. Insofern sollte das alles so sein.

Merz nennt sie Wutbürger

Und dann kommt Friedrich Merz und ist so intelligent, drei Tage vor der Wahl genau dieses gallische Dorf zu beschimpfen. Die Sachsen-Anhaltiner – Wutbürger. Ich frage mich: Wie dumm muss man sein? Wie dumm muss man eigentlich sein? Irre.

Charlie Kirk und was die Medien daraus machten

Mich lässt auch die Sache mit Charlie Kirk nicht los. Wenn ich an die Bilder von damals denke, an Trump auf der Bühne, den Schuss, wie das dann rausgeht – irre.

JD Vance hat den Sarg an Bord seiner Maschine nach Hause begleitet. Die beiden waren sehr gute Freunde. Kirk hat Vance überhaupt erst mit Donald Trump zusammengebracht. Also fliegt der Vizepräsident den Sarg in seiner eigenen Maschine heim.

Und natürlich umarmt ihn die Witwe am Flugzeug und hält ihn hinten am Kopf. Eine Frau mitten in schwerster Trauerarbeit, mit zwei kleinen Kindern zu Hause. Und die linken Medien machen daraus sofort eine Affäre. Dem engsten Freund des Ermordeten dichten sie das an.

Es kommt alles aus derselben Ecke: diese linke woke Ideologie, diese neogrüne Revolution. Alles Unheil der Welt kam über den Sozialismus. Und genau das läuft hier in Deutschland ab – mit diesem linken Personal und diesen links-grünen Medien. Egal, was man aufschlägt, egal, wohin man schaut.

Deshalb gilt für die Kriegserzählung dasselbe wie für die Berichte über eine Umarmung am Flugzeug: erst die Frage stellen, dann glauben. Und die Frage lautet immer noch: Was soll Putin hier eigentlich wollen?

Standbild aus dem Video: Putin soll Europa angreifen – und keiner fragt, was er hier eigentlich will
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Dirk Muchow · Herausgeber

Dirk Muchow ist Herausgeber von KLARTEXT. Er schreibt über Bundespolitik, Wirtschaft und Medien – täglich, unabhängig und ohne Rundfunkbeitrag. KLARTEXT wird ausschließlich von seinen Lesern bezahlt.

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