NEUBAUER
Neubauer belehrt uns über Anstand – ausgerechnet aus der Familie Reemtsma
Luisa Neubauer wünscht sich weniger Solidarität der Grünen mit Israel – und ich frage, woher das Familienvermögen eigentlich stammt.

Luisa Neubauer hat in einem Interview erklärt, sie hätte es begrüßt, wenn sich die Grünen nach dem 7. Oktober nicht so demonstrativ hinter Israel gestellt hätten. Ausgerechnet sie. Ausgerechnet aus dieser Familie. Das ist der Punkt, an dem ich nicht mehr ruhig bleibe.
Ich sage vorweg, wo ich stehe. Wenn sechs Millionen Juden von Deutschen ermordet und in die Lager geschickt worden sind, dann habe ich vollstes Verständnis dafür, dass Israel auf seinem Stück Land sitzt und sagt: einmal und nie wieder. Diesen Israel-Wahn, den wir heute erleben, hat es zu meiner Zeit nicht gegeben.
Jom Kippur 1973 und der Anruf von Kissinger
Man muss die Geschichte kennen, um die Gegenwart zu verstehen. Der Sechstagekrieg war 1967. 1973 kam der Jom-Kippur-Krieg, ausgerechnet am höchsten Feiertag. Mehrere Staaten griffen Israel an, und Israel stand am Rande der Niederlage.
Dem Vernehmen nach ließ Golda Meir, damals Premierministerin, die Atomwaffen scharf machen. Daraufhin rief Kissinger an: um Gottes willen keine Atombomben. Innerhalb von achtzehn Stunden landete die erste amerikanische Maschine mit Militärmaterial in Israel. Vierzig- bis fünfzigtausend Tonnen schafften die Amerikaner über die Luftbrücke heran.
Willy Brandt blockierte die Überflugrechte
Und was passierte in Europa? Die OPEC, allen voran Saudi-Arabien, machte klar: Wer Israel unterstützt, bekommt kein Öl mehr. Und dann war es ausgerechnet Willy Brandt, der Mann des Kniefalls von Warschau, der Mann der Aussöhnung, der in Europa den Widerstand anführte.
Brandt sorgte hinter den Kulissen dafür, dass die Amerikaner keine Überflugrechte über das europäische Festland bekamen. Die Maschinen mussten voll beladen über das Mittelmeer ausweichen und unter erheblichen Schwierigkeiten in Israel landen. Das war der Sozialdemokrat, der den Friedensnobelpreis bekommen hat.
Autofreier Sonntag und das Erbe der 68er
Die Russen belieferten damals die Ägypter, die Amerikaner die Israelis. Die OPEC drosselte die Fördermengen, und daraus wurden bei uns die autofreien Sonntage. Das hängt alles zusammen, auch wenn es heute kaum noch jemand erzählt.
Dieser latente Antisemitismus steckt seit den 68ern im Milieu. Er wurde an die Kinder weitergegeben, und man sieht ihn heute an den Universitäten, in Deutschland wie in Amerika. Aus Klimaprotest wird über Nacht „Free Gaza“. Dieselben Leute, dieselben Plätze, dieselben Sprechchöre.
Hundert Nobelpreise gegen einen
Eine Zahl, die selten jemand nennt: Israel hat über hundert Nobelpreisträger hervorgebracht. Auf der anderen Seite sind es ein bis zwei, darunter Jassir Arafat mit dem Friedensnobelpreis von 1994, den er sich zu dritt geteilt hat. Über diesen Unterschied darf man ruhig einmal nachdenken.
Und dann der Gipfel der Verblendung: Demonstranten, die unter dem Banner Queers for Palestine auf die Straße gehen. Sie demonstrieren für eine Ordnung, unter der Menschen wie sie selbst an den Autokran gehängt werden. Wir haben die Bilder aus dem Iran gesehen. Wer das nicht begreift, hat sich von der Wirklichkeit vollständig verabschiedet.
Neubauer und die Herkunft des Familienvermögens
So kam ich auf Luisa Neubauer. Erst das Klima, dann Thunberg, der sie hinterherläuft, dann das Segelboot Richtung Israel. Und dann sitzt sie im Garten vor der Kamera und erklärt, die Grünen hätten sich nach dem 7. Oktober nicht so demonstrativ hinter Israel stellen sollen.
Diese Frau kommt aus der Familie Reemtsma. Aus dem Zigarettengeschäft. Milliarden über Jahrzehnte. Über die Rolle des Konzerns in der NS-Zeit und über die Zwangsarbeit kann jeder nachlesen, der es wissen will.
Wie moralisch verkommen muss man sein, dass ausgerechnet diese Familie uns heute erklärt, was anständig ist?
Milliarden, deren Grundlage in einer Zeit gelegt wurde, über die man besser schweigen würde, wenn man klug wäre. Milliarden, verdient an einem Produkt, dessen Folgen jeder kennt. Und aus diesem Haus kommt die Belehrung über den richtigen Umgang mit Israel. Das ist die Meinungsdiktatur, unter der wir leben.
Sachsen-Anhalt ist das gallische Dorf
Diesen Block bekommt man nicht mit Diskussionsrunden aufgebrochen. Den zerhauen nur robuste Leute, die sich vom Gegenwind nicht beeindrucken lassen. Ich betrachte Sachsen-Anhalt als das kleine gallische Dorf. Deshalb muss Siegmund dort Ministerpräsident werden.
Und ich hoffe, dass Leif-Erik Holm es in Mecklenburg schafft. Dort wird in zehn Tagen gewählt. Der Spiegel schreibt derweil wieder über Rechtsextremismus. Ich frage: Welche Zeitung schreibt eigentlich über das linksgrüne Milieu, unter dem dieses Land leidet?

Dirk Muchow ist Herausgeber von KLARTEXT. Er schreibt über Bundespolitik, Wirtschaft und Medien – täglich, unabhängig und ohne Rundfunkbeitrag. KLARTEXT wird ausschließlich von seinen Lesern bezahlt.
