KI-HAUPTSTADT BERLIN

Berlin ist keine KI-Hauptstadt, in Berlin fehlt der Strom

Merz feiert Berlin als KI-Hauptstadt, während Brüssel die KI ausbremst und in Berlin, Frankfurt und Hamburg der Strom fehlt.

Dirk Muchow··4 Min. Lesezeit
Friedrich Merz, Julia Klöckner; CDU ZUKUNFTSKONGRESS am 27.04.2023 in Berlin (Tempodrom), Deutschland
Friedrich Merz, Julia Klöckner; CDU ZUKUNFTSKONGRESS am 27.04.2023 in Berlin (Tempodrom), Deutschland · Lizenz: CC BY-SA 4.0 · Bild: Dr. Frank Gaeth / Wikimedia Commons, Friedrich Merz und Julia Klöckner 2023.jpg

Friedrich Merz hat im Wahlkampf-Endspurt eine Rede gehalten, die schwer zu ertragen war. Erst sagt er, das Geschäftsmodell der deutschen Wirtschaft sei weg. Dann kommt er auf den Bürokratieabbau. Dann erklärt er Berlin zur KI-Hauptstadt. Keine dieser drei Aussagen passt zu den anderen, und die dritte ist schlicht falsch.

Bürokratieabbau interessiert im Moment niemanden. Entscheidend sind Produktivität und Energiepreise. Und genau die hohen Energiepreise verhindern die neuen Geschäftsmodelle, deren Fehlen er selbst beklagt. Diesen Widerspruch trägt er in einer einzigen Rede vor, ohne ihn zu bemerken.

Gründungsquoten erwirtschaften keine Milliarden

Dann kommt er auf die Start-ups und nennt wieder die Gründungsquoten. Viele neue Start-ups sind erfreulich, dagegen sagt niemand etwas. Entscheidend ist bei einem Start-up aber anderes: Finanzierung, Skalierung, Patente, Beschäftigung und die Zahl der Firmen, die nach fünf Jahren noch wachsen.

Diese Zahlen nennt er nicht. Er nennt die Gründungen und tut, als wären damit die Milliarden erwirtschaftet, die dieses Land braucht. Im Saal saß unter anderem Friede Springer. Ich hätte gern gewusst, was sie sich dabei gedacht hat.

Brüssel bremst, was Europa gar nicht hat

Zwei Tage vorher hat Ursula von der Leyen in ihrer Straßburger Rede angekündigt, Europa werde die KI ausbremsen, sie sei zu gefährlich. Ein Kontinent ohne eigenen Weltmarktführer in der KI will die Weltregeln aufstellen. Und Merz redet im selben Atemzug über Start-ups. Was machen die meisten Start-ups? Irgendwas mit KI.

Dazu kommt Social Media erst ab 13 Jahren und eigene Accounts erst ab 15. Wir erziehen unsere Kinder in Europa damit zu digitalen Analphabeten, während sie anderswo mit diesen Werkzeugen aufwachsen.

Die dümmste Lüge über die KI

Von der Leyen fällt dabei auf die dümmste Lüge über die KI herein. Die Hyperscaler in Amerika, Google, Amazon, Oracle, Microsoft, X, verbrennen Geld in einer Größenordnung, die man sich kaum vorstellen kann. Alphabet hatte 300 bis 500 Milliarden Dollar in Bargeld liegen und hat diese Bestände mit Hardware und Modellentwicklung aufgezehrt.

Zum ersten Mal in 30 Jahren hat Google eine Anleihe begeben, meines Wissens über rund 100 Milliarden. Der Grund ist einfach: Ein Modell aufzusetzen kostet mindestens 500 Millionen, eher eine Milliarde. Nach sechs Monaten ist es überholt. Das ist die höchste Geldverbrennungsrate, die es je gegeben hat.

Eine KI ist immer nur eine Software. Sie macht exakt das, was man ihr aufträgt.

Das Gerede der letzten Woche, man müsse die KI drosseln, ist aus meiner Sicht reine PR. Gedrosselt wird, weil das Geld nicht so schnell hereinkommt, wie es verbrannt wird. In Amerika finanzieren die Unternehmen alles privat. In China macht es der Staat, die Firmen sind staatsgebunden, und China wirft seine Modelle kostenlos auf den Markt.

Was ein Abonnement heute leistet

Ich habe eine chinesische KI selbst ausprobiert. Für mich als Laien arbeitet sie genauso wie eine amerikanische. Ein Abonnement bei Claude kostet 180 Euro, dafür bekomme ich Rechenleistung im fünfstelligen Bereich. Für das, was ich damit umsetze, hätte ich 20 bis 30 festangestellte Entwickler gebraucht, rund um die Uhr.

Anthropic hatte Fable 5.0 herausgebracht und nach 14 Tagen wieder vom Markt genommen, es sei zu gut gewesen. Künftig laufe das nur noch über die Schnittstelle, nicht mehr im Abonnement, hieß es. Jetzt ist das Nachfolgemodell Fable 5.1 da, noch besser, und es ist wieder im Abonnement enthalten. Der Grund heißt China.

Ein Projekt von mir hätte über die amerikanische Abrechnung 1800 bis 2000 Dollar im Monat gekostet. Über eine chinesische Plattform bekomme ich es umsonst, herunterladen genügt. Was dort mit meinen Daten passiert, weiß ich nicht.

KI braucht Strom, und der fehlt

In diese Lage hinein sagt Brüssel, wir bremsen, und Berlin soll die KI-Hauptstadt sein. KI braucht Rechenleistung, und Rechenleistung braucht Strom. In Berlin herrscht Strommangel, genauso in Frankfurt und in Hamburg, wie vor zwei Monaten bekannt gegeben wurde.

Ein einzelnes KI-Cluster oder ein Start-up-Zentrum macht keine KI-Hauptstadt. Selbst beim Rechenzentrum, das die Schwarz-Gruppe bei Rostock bauen will, heißt es jetzt schon, es werde nicht ansatzweise ausgelastet. Gebaut wird es, weil hunderte Millionen Euro Förderung hineinfließen, vielleicht sogar eine Milliarde.

Solche Summen gibt es im Ausland nicht. Nach meiner Recherche bekommen die KI-Firmen in Amerika keine Förderung, ein paar Steuervorteile, sonst zahlen sie alles selbst. Amerika hat über 5000 Rechenzentren. Wir haben Subventionen für eine Halle, die keiner braucht, und einen Kanzler, der das Hauptstadt nennt.

Standbild aus dem Video: Berlin ist keine KI-Hauptstadt, in Berlin fehlt der Strom
Das Video zum Beitrag auf KLARTEXT TV · 13:53 Min.
Dirk Muchow · Herausgeber

Dirk Muchow ist Herausgeber von KLARTEXT. Er schreibt über Bundespolitik, Wirtschaft und Medien – täglich, unabhängig und ohne Rundfunkbeitrag. KLARTEXT wird ausschließlich von seinen Lesern bezahlt.

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