TALKSHOWS
20,8 Prozent der Stimmen, 1,5 Prozent der Talkshow-Auftritte
Die SPD kommt auf 16,4 Prozent der Stimmen und 27,8 Prozent der Auftritte, die AfD auf 20,8 Prozent der Stimmen und 1,5 Prozent.

Wer wissen will, wie politische Meinung in Deutschland gemacht wird, muss nur die Gästelisten der Politik-Talks neben die Wahlergebnisse legen. Die SPD kam auf 16,4 Prozent der Zweitstimmen bei der Bundestagswahl, aber auf 27,8 Prozent der Auftritte. Die AfD kam auf 20,8 Prozent der Stimmen und auf 1,5 Prozent der Auftritte.
Das ist kein kleiner Ausreißer. Das ist ein Verhältnis, das sich mit Zufall nicht mehr erklären lässt. SPD und CDU zusammen bestritten 2025 rund 65 Prozent aller Talkshow-Auftritte. Zwei Parteien, zwei Drittel der Sendezeit.
Alles, was ich hier zeige, ist nachvollziehbar. Die Zahlen stammen unter anderem aus Unterlagen des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages. Das ist kein Bauchgefühl, das ist Statistik.
Wer die Einladungen verteilt
Die Talkshows, über die wir reden, laufen bei ARD und ZDF. Dort sitzen die Redaktionen, die entscheiden, wer auf dem Stuhl Platz nimmt. Und in diesen Redaktionen stammen 41 Prozent der Redakteure aus dem grünen Umfeld. Wer glaubt, das habe keinen Einfluss auf die Gästeliste, glaubt auch an neutrale Losverfahren.
Dazu kommt der Regierungsbonus. Minister und Fraktionsspitzen werden fast automatisch eingeladen. Wer sich an die Ampelzeit erinnert, weiß, was das bedeutet. 2023 entfielen 24 Prozent aller Talkshow-Auftritte allein auf die Grünen. Die FDP kam auf 16 Prozent, eine Partei, die im Wesentlichen Anhängsel war.
Robert Habeck war in dieser Zeit so präsent, dass es kaum noch zu ertragen war. Das war kein Zufall. Das war System.
Die Gremien über den Redaktionen
Über den Redaktionen liegt noch eine Ebene, die kaum jemand im Blick hat: die Rundfunk- und Fernsehräte. Bei ARD und ZDF, bei den sechzehn Anstalten der ARD, dazu die ganzen Radiosender von NDR 1 bis NDR 2 und wie sie alle heißen.
Besetzt sind diese Gremien mit Parteileuten und Verbandsvertretern, wobei die Parteileute klar überwiegen. Seit Jahrzehnten sind das vor allem CDU und SPD. In den letzten Jahren kamen ein paar Grüne dazu. Die AfD sitzt nirgendwo drin. Nicht in einem einzigen dieser Gremien.
Wie das praktisch wirkt, hat man beim Ärger um Markus Lanz und Daniel Günther gesehen. Über ein CDU-Mitglied im ZDF-Fernsehrat sei Druck gemacht worden, hieß es. Die Botschaft an den Intendanten: Wer wiedergewählt werden will, sorgt dafür, dass der Richtige eingeladen wird.
Quote und die Kunst der Vermeidung
Eingeladen wird außerdem, wer Quote bringt. Deshalb sitzt Tino Chrupalla häufiger in den Runden. Man kann drei, vier Leute auf ihn loslassen. Alice Weidel dagegen ist fast nie dabei. Sie wird weitgehend vermieden. Auch das ist eine Entscheidung, die in einer Redaktion getroffen wird.
Und wo die Grenzen des kritischen Journalismus liegen, hat der Auftritt von Habeck bei Sandra Maischberger gezeigt. Sein Satz über die Insolvenzen ist unvergessen: Die Betriebe seien ja nicht pleite, sie hörten nur auf zu produzieren.
Sie konnte ihn ein Stück weit vorführen. Aber eben nur ein Stück weit. Denn über dieselben Gremien entscheidet sich, wie lange sie ihre Sendung behält.
SPD, CDU und Grüne haben sich in diesem System festgesetzt. Man hackt sich gegenseitig kein Auge aus. Man schanzt sich zu, was zu verteilen ist.
Gefälligkeiten kosten nur ein Lächeln
Der zweite Hebel läuft über die Zeitungen. Die SPD ist über ihre Beteiligungen selbst im Medienmarkt drin. Und wer im Zeitungsgeschäft auf Auflage angewiesen ist, wird gefügig gehalten.
Das funktioniert ganz einfach. Willst du ein Interview mit Lars Klingbeil? Oder lieber mit Bärbel Bas? Für eine kleine Zeitung ist so ein Termin viel wert. Und er kostet nichts weiter als ein Lächeln und eine freundliche Schlagzeile. Solche Gefälligkeiten sind gang und gäbe.
Genau deshalb ist eine Partei, die bei 12 oder 13 Prozent steht, so arrogant und so überheblich. Sie weiß, dass sie den politischen Medienmarkt in Deutschland mitbestimmt. Ihre Präsenz im Fernsehen hat mit ihrem Rückhalt bei den Wählern nichts mehr zu tun.
Für mich ist das ein Skandal. Nicht weil mir einzelne Sendungen nicht passen, sondern weil hier über Jahre ein Bild von Deutschland gezeichnet wird, das mit dem Wahlverhalten der Menschen nicht übereinstimmt. Deshalb bekommen wir jeden Tag die Berichterstattung vorgesetzt, die wir bekommen. Und deshalb lohnt der Blick auf die Zahlen mehr als jede Empörung über einzelne Sendungen.

Dirk Muchow ist Herausgeber von KLARTEXT. Er schreibt über Bundespolitik, Wirtschaft und Medien – täglich, unabhängig und ohne Rundfunkbeitrag. KLARTEXT wird ausschließlich von seinen Lesern bezahlt.





