TREUEBRIEF

16 Jahre Kohl, 16 Jahre Merkel, drei Jahre Scholz – so einen Brief gab es nie

Acht Ministerpräsidenten schwören Friedrich Merz öffentlich die Treue – und bestätigen damit genau das Problem, das sie leugnen.

Dirk Muchow··4 Min. Lesezeit
Friedrich Merz, Julia Klöckner; CDU ZUKUNFTSKONGRESS am 27.04.2023 in Berlin (Tempodrom), Deutschland
Friedrich Merz, Julia Klöckner; CDU ZUKUNFTSKONGRESS am 27.04.2023 in Berlin (Tempodrom), Deutschland · Lizenz: CC BY-SA 4.0 · Bild: Dr. Frank Gaeth / Wikimedia Commons, Friedrich Merz und Julia Klöckner 2023.jpg

Acht Ministerpräsidenten haben sich in einem gemeinsamen Brief hinter Friedrich Merz gestellt und erklären, sie wollten keine Personaldiskussion. Genau dieser Brief ist der Beweis, dass es ein ernstes Problem gibt. In 16 Jahren Helmut Kohl gab es ihn nicht. In 16 Jahren Angela Merkel nicht. In drei Jahren Olaf Scholz nicht.

Wenn wir keine reale Führungskrise im Kanzleramt hätten, hätte es diesen Brief nie gebraucht. Ein Treueschwur beseitigt keine Spekulationen. Er bestätigt sie.

Ein Kanzler, der auf offener Bühne die Nerven verliert

Sehen Sie sich den Auftritt an, bei dem ein Journalist Merz zur Vertrauensfrage befragt. Merz verliert die Fassung und legt sich mit dem Mann an. Er kann es nicht lassen. Und dieser Mann führt Deutschland.

Zum Vergleich: Schauen Sie sich die Pressekonferenzen von Donald Trump an. Der beschimpft Journalisten, ja. Aber er antwortet. Im Flugzeug, auf dem Rollfeld, überall beantwortet er die Fragen. Ab und zu sagt er, darauf antworte ich nicht. Aber er stellt sich hin.

Neun Monate Krise – und nichts liegt in der Schublade

Derselbe Mann, der jetzt sagt, man werde über die Spritpreise nachdenken, hatte gerade vier Wochen Urlaub am Tegernsee. Angeblich Arbeitsurlaub, angeblich jeden Tag am Schreibtisch. Das glaube ich ihm nicht.

Die Krise läuft seit neun Monaten. Wer ein so ausgesprochener Trump-Gegner ist wie Merz, der müsste doch vom schlechtesten Fall ausgehen. Der müsste doch annehmen, dass der andere seine Ankündigungen nicht einhält. Das ist die einfachste Regel der Vorbereitung.

Wer Schülern in einer Aula in Bensberg Angst vor der Weltlage macht und ihnen abrät, nach Amerika zu gehen, der müsste im eigenen Kabinett sagen: Ich will Szenarien sehen. Was tun wir bei zwei Euro, bei zweifünfzig, bei drei, bei dreifünfzig, bei vier Euro? Dann liegen die Pläne fertig in der Schublade.

Stattdessen kommt er aus dem Urlaub, fliegt nach Finnland und erklärt, man denke jetzt darüber nach, was man macht. Das ist keine Führung. Das kann jeder.

Wer sich selbst nicht führen kann, führt niemanden

Gloria von Thurn und Taxis hätte auf solche Fragen eine Antwort. Nicht weil sie Kanzlerin wäre – ich halte sie eher für eine gute Bundespräsidentin –, sondern weil sie gelernt hat zu führen. Jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand hätte diese Szenarien parat.

Merz kann sich nicht einmal selbst führen. Und wer sich nicht selbst führen kann, kann auch keine Menschen führen. So einfach ist das.

Die Kanzlerfrage ist keine Personaldebatte

Die Ministerpräsidenten wenden sich in ihrem Brief gegen Personaldiskussionen. Allein das ist absurd. Die Kanzlerfrage ist keine Personaldebatte. Wir reden hier über unseren höchsten Angestellten.

Merz ist keine Heiligkeit. Er ist ein Mitarbeiter wie Hunderttausende andere in Regierung und Ministerien, die auf unsere Kosten arbeiten. Das sind unsere Angestellten. Und der Arbeitsvertrag, den Merz hat, ist seine Vereidigung als Bundeskanzler. Mehr nicht.

Dann sagt er: Ich bin auf vier Jahre gewählt, und ich gehe nicht vorher. Er soll sich nicht täuschen, wie schnell so etwas gehen kann. Das Kanzleramt ist kein Eigentum.

Das ist doch kein Eigentum, worüber wir hier reden.

Sie verlangen Schweigen – und reden hinter den Kulissen weiter

Acht Leute, die Bundesländer führen und Milliardenhaushalte verwalten, erklären, sie wollten über das Personal nicht reden. Die entscheidende Frage beantworten sie nicht. Das ist total absurd.

Sie verlangen Schweigen. Von uns, von der Presse, von YouTube. Und hinter den Kulissen reden sie weiter über Alternativen.

Selbst Paul Ronsheimer – wahrlich keiner meiner Favoriten, aber bestens informiert, einer der zehn Bestinformierten in diesem Land – hat in der Bild geschrieben, das sei an Verlogenheit nicht zu überbieten. Die Ministerpräsidenten haben sich über die Ablösung von Merz unterhalten. Und kritisieren nun öffentlich eine Debatte, an deren Entstehung sie selbst mitgewirkt haben.

Der Brief ist das Geständnis

Ein Treueschwur, der nötig wird, ist kein Zeichen von Stärke. Er ist das Eingeständnis der Schwäche. Wer sicher im Sattel sitzt, braucht keine acht Unterschriften, die das öffentlich bezeugen.

Deshalb bleibt der eine Satz stehen, der alles erklärt: In 16 Jahren Kohl gab es diesen Brief nicht. In 16 Jahren Merkel nicht. In drei Jahren Scholz nicht. Jetzt gibt es ihn. Und damit ist die Frage beantwortet, die niemand beantworten wollte.

Standbild aus dem Video: 16 Jahre Kohl, 16 Jahre Merkel, drei Jahre Scholz – so einen Brief gab es nie
Das Video zum Beitrag auf KLARTEXT TV · 8:29 Min.
Dirk Muchow · Herausgeber

Dirk Muchow ist Herausgeber von KLARTEXT. Er schreibt über Bundespolitik, Wirtschaft und Medien – täglich, unabhängig und ohne Rundfunkbeitrag. KLARTEXT wird ausschließlich von seinen Lesern bezahlt.

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